L-Selektin-Signatur (CD62L)

Erstellt am 29 Apr 2016 18:28
Zuletzt geändert: 25 Jun 2021 11:19

Klinik für Allgemeine Neurologie an der Uniklinik Münster: L-Selektin-Signatur - Test zur PML-Risikostratifizierung unter Tysabri-Langzeittherapie

Bedeutung des Tests:

Die L-Selektin Signatur (CD62L-Signatur) ist kein Test zur PML Diagnostik sondern kann anzeigen, ob ein Patient ein erhöhtes Risiko aufweist in Zukunft eine PML zu entwickeln. Bei der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) handelt es sich um eine lebensbedrohliche, unter Umständen tödliche Erkrankung. CD62L ist ein Zelladhäsionsmolekül auf Lymphozyten, einschließlich einiger T-Zellen.

Generell ist das Risiko für die Entwicklung einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie vorhanden bei einer Therapie mit Natalizumab (Tysabri®) - und hier besonders erhöht

  • wenn Antikörper gegen das JC-Virus bei einem Patienten nachgewiesenen werden
  • wenn eine immunsuppressive Therapie im Vorfeld der Natalizumab-Therapie durchgeführt worden war
  • bei einer Dauer der Tysabri®-Therapie von mehr als zwei Jahren - ansteigend mit zunehmender weiterer Dauer.

Im Februar 2016 wurde bezüglich dieser Risikosituation von der EMA eine aktuelle Empfehlung zur PML-Risikominimierung unter Therapie mit Natalizumab (Tysabri®) herausgegeben.

Eine Arbeitsgruppe der Uniklinik Münster präsentierte auf dem amerikanischen Neurologenkongress 2014 einen Algorithmus, der die Ergebnisse des Tests in eine klinische Risiko-Stratifizierung einfügte1:
→ CD62L in 2 aufeinander folgenden Tests erniedrigt → JCV positiv → nicht immunsupprimiert → JCV index ≥ 0.9 → Risikogruppe.

Das absolute Risiko für alle Patienten unter Natalizumab lag nach Daten des Herstellers Ende 2015 bei einer PML-Inzidenz von 3,96 pro 1000 Patienten. In der Hochrisikogruppe der Patienten, die einen positiven JCV-Antikörperstatus haben und zu irgendeinem Zeitpunkt für einen beliebigen Zeitraum immunsuppressiv behandelt wurden und die Natalizumab-Therapie länger als 25 Monate bekommen, lag die geschätzte Inzidenz einer PML bei 11,1/1.000 (oder einer von 90) Patienten.
In der Gruppe der nie immunsupprimierten Patienten mit JC-Antikörpern und einer Natalizumab-Therapie von mehr als 24 Monaten (und weniger als 48 Monaten) betrug die Inzidenz 5,2/1000 (oder einer von 192) Patienten.

Die Münsteraner hatten im Oktober 2015 eine Online-First-Publikation in der Zeitschrift "Multiple Sclerosis" veröffentlicht, welche die Testgüte der beiden Laborparameter JCV-Index und CD62L miteinander verglich und kamen zu dem Ergebnis, dass sich durch Kombination beider Verfahren die bislang bestmögliche Vorhersage erreichen liess.2

Die Publikationen der Münsteraner Arbeitsgruppe blieben in der Fachwelt nicht unumstritten. Eine Arbeitsgruppe der Firma Biogen, Hersteller von Tysabri®/Natalizumab, aus Massachusetts, USA antwortete im Januar 2016 mit einer Publikation mit dem Titel "CD62L is not a reliable biomarker for predicting PML risk in natalizumab-treated R-MS patients."3

Von den Münsteranern wiederum wurde ebenfalls im Januar 2016 eine weitere Arbeit publiziert4, die auf die Bedeutung des Anti-JCV Antikörper Index eingeht und erneut zu dem Schluss kommt, dass die Datenauswertungen dafür sprechen, sowohl diesen Wert als auch die Werte der L-Selektin-Signatur (CD62L) engmaschig zu kontrollieren, um die Abschätzung des PML-Risikos zu verbessern.

Experten des Kompetenznetz Multiple Sklerose werten die Münsteraner Studienergebnisse als valide - das Kompetenznetz veröffentlichte am 15.02.2016 eine Pressemeldung zu den Münsteraner Studienergebnissen

Die Diskussion um den Wert des Tests ist derzeit (Mai 2016) insgesamt als noch nicht abgeschlossen zu betrachten.

Legalstatus

Der am UKM entwickelte L-Selektin-Signatur-Test war zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Beitrages (2016) noch nicht Gegenstand des GKV-Leistungskataloges, sodass eine Erbringung im Sachleistungsprinzip und unmittelbare Abrechnung mit den gesetzlichen Krankenkassen nicht möglich war.
Bei Abrechnung nach Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) ergaben sich damals Kosten von 249,69 Euro pro Test inklusive Versand per TNT Kurierdienst.

Literatur:

Schwab N, Schneider-Hohendorf T, Pignolet B, Spadaro M, Görlich D, Meinl I, Windhagen S, Tackenberg B, Breuer J, Cantó E, Kümpfel T, Hohlfeld R, Siffrin V, Luessi F, Posevitz-Fejfár A, Montalban X, Meuth SG, Zipp F, Gold R, Du Pasquier RA, Kleinschnitz C, Jacobi A, Comabella M, Bertolotto A, Brassat D, Wiendl H. PML risk stratification using anti-JCV antibody index and L-selectin. Mult Scler. 2015 Oct 2. pii: 1352458515607651.

Schwab N, Schneider-Hohendorf T, Pignolet B, Breuer J, Gross CC, Göbel K, Brassat D, Wiendl H. Therapy with natalizumab is associated with high JCV seroconversion and rising JCV index values. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm. 2016 Jan 27;3(1):e195. doi: 10.1212/NXI.0000000000000195. eCollection 2016 Feb.

Alternativen

Ein Anti-JCV Antikörper Index ≤1,5 bei einer Therapie bis (einschließlich) 24 Monaten ist verbunden mit einem geschätzten Risiko von 0,17/1000 (oder 1 von 5882) - und ein Anti-JCV Antikörper Index >1,5 bei einer Therapie von 25 bis 48 Monaten geht mit einem geschätzten Risiko von 8,83/1000 (oder einer von 113) einher. Ein Anti-JCV Antikörper Index -Schwellenwert von 1,5 wird in einem Konsensuspapier einer internationalen Expertengruppe als praktisch anwendbares Unterscheidungsmerkmal zwischen jeweils "normalem" und hohem, engmaschig (MRT alle 3-4 Monate) überwachungsbedürftigem Risiko angesehen:
McGuigan C, Craner M, Guadagno J, Kapoor R, Mazibrada G, Molyneux P, Nicholas R, Palace J, Pearson OR, Rog D, Young CA. Stratification and monitoring of natalizumab-associated progressive multifocal leukoencephalopathy risk: recommendations from an expert group. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2016 Feb;87(2):117-25. doi: 10.1136/jnnp-2015-311100. Epub 2015 Oct 22.

Siehe auch:

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