Homöopathie

Erstellt am 13 Oct 2017 10:57
Zuletzt geändert: 02 Sep 2025 20:12

Eine Wiener Studie behauptet: Homöopathie wirkt bei Krebspatienten im Endstadium. Das Urteil einer Prüfkommission hingegen lautet: Datenmanipulation und Fälschung. Was sagt der Studienautor zu den Vorwürfen?
Alwin Schönberger, 28.10.22:
Das Urteil der Untersuchungskommission ist auffallend scharf formuliert. Von "Datenmanipulation" ist die Rede, von "selektivem Löschen von Aufzeichnungen" und "Verletzungen der wissenschaftlichen Integrität". Die harschen Worte stammen aus einem seit Kurzem vorliegenden Bericht der Österreichischen Agentur für Wissenschaftliche Integrität (ÖAWI), einer unabhängigen Organisation zur Prüfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens.
Die ÖAWI wurde auf Initiative der Medizinischen Universität Wien tätig. Deren Rektorat ersuchte um die Analyse einer Studie, die zum Teil an der MedUni durchgeführt wurde. Studienleiter ist Michael Frass, 68, Internist und seit Jahrzehnten einer der vehementesten Befürworter von Homöopathie.
Am Wiener AKH leitete Frass viele Jahre die Intensivstation an der Klinik für Innere Medizin. Hier setzte er sich auch massiv für den Einsatz von Homöopathie ein und betrieb eine Spezialambulanz zu diesem Zweck. Außerdem bot er ein "Wahlfach Homöopathie" an. Nachdem sich Studierende mehrfach beschwerten, dass die Globuli-Lehre nicht mit akademischer Medizin kompatibel sei, strich Rektor Markus Müller die Vorlesung 2018 vom Lehrplan, was für einige Schlagzeilen sorgte. Ein Jahr später schied Frass pensionsbedingt aus der MedUni aus.
Seine nun überprüfte Studie erstreckte sich über diesen Zeitraum hinaus. Sie begann 2012, die Ergebnisse wurden im Herbst 2020 im Fachjournal "The Oncologist" veröffentlicht. Da war Frass bereits in Rente, doch weil in der Publikation die MedUni als Frass' Wirkungsstätte genannt wird, veranlasste Vizerektorin Michaela Fritz die Untersuchung der Ergebnisse. Denn schon bald traten Zweifel an den Resultaten auf, die immerhin mit dem Label MedUni assoziiert waren. Daher, so Fritz, habe man für Aufklärung sorgen wollen.
Es war ziemliche Wühlarbeit, denn die Studie erscheint erst mal makellos: Sie wurde nach zeitgemäßen Standards durchgeführt: randomisiert, placebokontrolliert, doppelblind. Es gab eine Homöopathie- und eine Placebogruppe. Wer Homöopathie beziehungsweise Placebo bekam, war weder dem Studienteam noch den Patientengruppen bekannt. Laut Angaben in der Publikation erhielten 51 Patientinnen und Patienten ein Homöopathikum, 47 ein Placebo, weitere 52 bildeten die Kontrollgruppe. Die Personen stammten aus vier Kliniken in Wien, Lienz und Linz-allesamt Menschen mit sogenannten nichtkleinzelligen Lungenkarzinomen in weit fortgeschrittenen Stadien.
Die Ergebnisse, veröffentlicht im November 2020, sind dem 16-köpfigen Autorenteam zufolge eindeutig: Die Lebensqualität sei in der Homöopathiegruppe im Vergleich zu Placebo signifikant gestiegen, und auch die Überlebensdauer sei signifikant höher. Während in der Homöopathiegruppe nach zwei Jahren noch gut 45 Prozent der Patienten am Leben gewesen seien, seien es in der Placebogruppe kaum mehr als 23 Prozent gewesen. Homöopathie beeinflusse somit nicht nur die Lebensqualität positiv, sondern auch die Überlebenszeit. Frass' Arbeit behauptet somit: Homöopathie sei imstande, das Leben von Krebspatienten im Endstadium nennenswert zu verlängern.
Der offizielle Abschlussbericht der ÖAWI-Prüfkommission folgert: Zu diesem Ergebnis könne man nur durch Manipulation oder Fälschung von Daten gelangen. Einige Resultate seien anders nicht erklärbar.
Zum einen ist dies die Erhebung der Lebensqualität. Ermittler der ÖAWI glichen diese Angaben mit der Allgemeinbevölkerung ab, die mit demselben Fragebogen befragt worden waren. Das Ergebnis ist einigermaßen verblüffend: Frass' sterbenskranke Patienten sollen von einer deutlich höheren Lebensqualität berichtet haben als der Bevölkerungsschnitt. "Hochgradig unplausibel", urteilt die ÖAWI.
Erstaunlicherweise fehlte … ein Zusammenhang zwischen Lebensqualität und Lebenszeit nur in der Homöopathiegruppe, in der Placebo-Gruppe korrelierten die beiden Faktoren dagegen sehr wohl.
Auch an den Angaben zur Sterblichkeit in den beiden Gruppen zweifelt die Kommission der ÖAWI. Die Analyse brachte ein interessantes Phänomen ans Licht: Nur in den ersten und letzten sechs Monaten war Homöopathie dem Placebo überlegen (und führte zu längerer Lebensdauer), dazwischen hingegen nicht. Das würde bedeuten: Die homöopathische Behandlung wirkte sechs Monate, dann ein ganzes Jahr nicht, dann wieder sechs Monate. Kommentar der Prüfer dazu: "Das ist hochgradig unplausibel, jedoch sind diese Zahlen kompatibel mit dem selektiven Löschen von Daten."
[Ursprünglich] gab es nur ein Ausschlusskriterium, doch in der Letztversion finden sich plötzlich 15. Diese wurden hochgeladen, als die Studie längst fertig war.

  • Expression of Concern: Homeopathic Treatment as an Add-On Therapy May Improve Quality of Life and Prolong Survival in Patients with Non-Small Cell Lung Cancer: A Prospective, Randomized, Placebo-Controlled, Double-Blind, Three-Arm, Multicenter Study. Oncologist. 2022 Dec 9;27(12):e985. doi: 10.1093/oncolo/oyac221. Erratum in: Oncologist. 2024 Nov 4;29(11):e1631-e1632. doi: 10.1093/oncolo/oyae253. PMID: 36314553; PMCID: PMC9732219.
  • Frass M, Lechleitner P, Gründling C, Pirker C, Grasmuk-Siegl E, Domayer J, Hochmair M, Gaertner K, Duscheck C, Muchitsch I, Marosi C, Schumacher M, Zöchbauer-Müller S, Manchanda RK, Schrott A, Burghuber O. Homeopathic Treatment as an Add-On Therapy May Improve Quality of Life and Prolong Survival in Patients with Non-Small Cell Lung Cancer: A Prospective, Randomized, Placebo-Controlled, Double-Blind, Three-Arm, Multicenter Study. Oncologist. 2020 Dec;25(12):e1930-e1955. doi: 10.1002/onco.13548. Epub 2020 Nov 7. Erratum in: Oncologist. 2021 Mar;26(3):e523. doi: 10.1002/onco.13693. Erratum in: Oncologist. 2024 Nov 4;29(11):e1631-e1632. doi: 10.1093/oncolo/oyae253. PMID: 33010094; PMCID: PMC8108047.

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