Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS)

Erstellt am 30 Aug 2015 20:47
Zuletzt geändert: 04 Mar 2022 12:18

Ältere wissenschaftliche Arbeiten, vor allem aus den 90er Jahren, gehen davon aus, dass das chronische Erschöpfungssyndrom eine Folge krankheitserzeugender Reaktionen des Körpers auf Stoffe aus der Umwelt ist. Es wurde daher die Hypothese aufgestellt, dass eine so genannte "multiple chemische Sensitivität (MCS)" letztlich die Ursache des chronischen Erschöpfungssyndroms sein soll.
Von der WHO wurde in der Vergangenheit eine Verschlüsselung des Chronischen Erschöpfungssyndroms mit dem ICD-Code G93.3 aus dem Kapitel "Krankheiten des Nervensystems" in der der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, der ICD-10 empfohlen. Dieser Code enthält die Erläuterung "postvirales Ermüdungssyndrom/benigne myalgische Enzephalomyelitis"1.
Von der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (DGPM) und dem Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) wurde hingegen in der Leitlinie "Funktionelle Körperbeschwerden" die Verwendung des Begriffs "myalgische Enzephalomyelitis (M.E.)" ausdrücklich abgelehnt, da dieser eine strukturelle organische Krankheit unterstellt, die mit keiner derzeit verfügbaren Diagnostik nachweisbar ist.
Insgesamt wird in der medizinischen Fachliteratur das chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) teils als körperliche ("funktionelle somatische Beschwerden"), teils als psychische Erkrankung angesehen.
In den Vereinigten Staaten wird das CFS zur Gruppe der medizinisch nicht erklärbaren Symptome (MUS = englisch: "medically unexplained symptoms") gezählt.

Im Jahr 2015 wurde, nach intensiver Diskussion im Auftrag des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums und der National Instituts of Health (NIH), durch das Institute of Medicine (IOM; jetzt Health and Medicine Division "HMD" der National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine - kurz "National Academies") eine Empfehlung für eine neue Bezeichnung des Chronischen Müdigkeitssyndroms / der Myalgischen Enzephalomyelitis (CFS/ME) ausgesprochen. Danach sollte in Zukunft die Krankheitsbezeichnung "Systemic Exertion Intolerance Disease" (SEID), übersetzt etwa "Systemische Belastungsintoleranz-Erkrankung" verwendet werden.

Definiert wird die Erkrankung gemäß den Empfehlungen des IOM durch 4 Punkte:

  1. Eine wesentliche Verringerung oder Verschlechterung der Fähigkeiten, sich wie vor der Erkrankung beruflich, in der Ausbildung, in sozialen und persönlichen Aktivitäten zu engagieren, die länger als 6 Monate anhält, verbunden mit Müdigkeit, die oft ausgeprägt ist, neu oder mit definierbarem Beginn (nicht lebenslang), die nicht das Ergebnis andauernder exzessiver Anstrengung ist und sich durch Ruhe nicht bessert
  2. Krankheitsgefühl nach Anstrengungen (von Patienten oft als "Zusammenbruch" oder "Kollaps" (englisch "crash" oder "collapse“) auch nach geringer körperlicher oder geistiger Belastung beschrieben
  3. Nicht erfrischender Schlaf und
  4. Kognitive Verschlechterung und/oder orthostatische Intoleranz

Im Unterschied zu früheren Definitionen betrachtet das IOM/HMD die SEID nicht als Ausschlussdiagnose.
Die Diagnose könne vielmehr auch gestellt werden, wenn Patienten andere, potenziell zur Ermüdung führende Krankheiten haben. Die Diagnostik anderer Erkrankungen bleibt allerdings weiterhin trotzdem essentieller Bestandteil des medizinischen Vorgehens bei der Abklärung einer SEID, da sich hieraus möglicherweise therapeutische Konsequenzen ergeben können.

Für die SEID selber hingegen fand das Institute of Medicine (IOM/HMD) keine erfolgversprechenden Heilungsansätze:
Das IOM konnte trotz vieler wissenschaftlicher Erklärungsversuche keine beweiskräftigen Nachweise für eine behandelbare Ursache für die SEID / das CFS finden. Insbesondere waren die Hinweise auf schädliche Umweltwirkungen durch Schwermetalle oder Pestizide als Krankheitsauslöser wissenschaftlich nicht überzeugend.

Die vorhandenen und vom IOM ausgewerteten Erkenntnisse deuten auf eine mögliche Vielzahl komplexer pathogenetische Prozesse, die ursächlich an der Entstehung einer SEID beteiligt sein können.

Da somit bis dato nur symptomatische Behandlungsmöglichkeiten für die "Systemische Belastungsintoleranz-Erkrankung" (SEID) existieren, sollten weitere, das Krankheitsbild negativ beeinflussende Faktoren möglichst gesucht und einer Behandlung zugeführt werden.
Hierzu kann eine umfassende Suche nach möglicherweise kausal therapierbarer Neben-Erkrankungen erforderlich werden.
Betreffend den Einzelfall ist festzuhalten, dass die Unterlagen eine erhebliche subjektive gesundheitliche Beeinträchtigung erkennen lassen.
Unter Berücksichtigung der hier vorliegenden medizinischen Informationen zu dem Patienten und unter Berücksichtigung des derzeitigen wissenschaftlichen Diskussionsstandes zu der Symptomatik, ist davon auszugehen, dass eine Behandlung, die sich ausschließlich auf toxikologische Merkmale richtet, im Einzelfall zu kurz greifen würde:

Wie der umfangreiche Bericht des IOM/HMD – in Einklang mit den Stellungnahmen anerkannter, nationaler und internationaler wissenschaftlicher Fachgesellschaften – festgestellt hat, handelt es bei allen Bemühungen, das CFS bzw. die MCS als eine durch Umwelt-Schadstoffe oder chronische Infektionen bedingte organische Erkrankung zu erklären, um derzeit wissenschaftlich nicht abgesicherte theoretische Überlegungen.
Grundsätzlich sollten daher im Einzelfall weitere Untersuchungen, mit dem Ziel der Identifizierung ggf. kausal behandelbarer Erschöpfungs-Ursachen, wohnortnah ambulant im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung durchgeführt werden.

Zu nennen wären hier im Einzelnen folgende, möglicherweise weiterführende Untersuchungen – wobei zu berücksichtigen ist, dass nicht alle genannten Untersuchungen im Einzelfall auch notwendig sein müssen. Die Notwendigkeit richtet sich vielmehr nach den Ergebnissen der jeweils zunächst erhobenen Befunde, wobei mit den so genannten Basis-Untersuchungen zu beginnen wäre:

  • Laboruntersuchungen, die je nach Anamnese und Befunden unter anderem umfassen sollten: Basis-Untersuchungen von Blutbild, Leberwerten, Kreatinin, Elektrolyten, HbA1c, CRP. Im vorliegenden Fall wurden die Bestimmungen von Ferritin und Transferrin im Befundbericht des "Micro Trace Minerals Labor" empfohlen; diese Untersuchungen können daher auf der vorliegenden Informationsgrundlage im Einzelfall zur weiteren Abklärung des Eisenstoffwechsels unbedingt empfohlen werden.
  • Ggf., bei Kurzatmigkeit und mangelnder körperlicher Belastbarkeit, kardiologische oder pulmologische Untersuchungen (z.B. Röntgen oder evtl. auch Computertomographie des Brustkorbs; EKG, ggf. Herz-Echo).
  • Ggf. immunologische Untersuchungen zum Ausschluss oder zur Bestätigung chronischer Infektionen, soweit nicht bereits durchgeführt (z. B. Serologie für Hepatitis, HIV).
  • Endokrinologische Untersuchung (Schilddrüse, Nebenniere).
  • Internistische Untersuchung auf bislang unentdeckte chronische gastrointestinale Erkrankungen, falls abdominale Beschwerden vorliegen.
  • Untersuchung auf bislang nicht diagnostizierte Depression.
  • Untersuchung auf bislang unentdeckte neurologische Erkrankungen.
  • Untersuchung auf das Vorliegen einer rheumatologischen Erkrankung, falls Gelenk- und/oder Muskelschmerzen bestehen.
  • Falls der Verdacht einer Schlafapnoe besteht: Schlaflaboruntersuchung.

Zusammenfassung:

Es existieren, wie im IOM-Report dargelegt, keine anerkannten kausalen Behandlungsmöglichkeiten bei einem Chronischen Müdigkeitssyndrom bzw. einer Systemischen Belastungsintoleranz-Erkrankung. Die Behandlung erfolgt rein symptomatisch.
Zu empfehlen sind daher – je nach Lage des Falles – alle oder einige der oben angeführten Untersuchungen zur Identifizierung ggf. kausal behandelbarer Begleiterkrankungen.
Aufgrund der vielschichtigen Problematik und der weitreichenden, auch psychosozialen Auswirkungen des Krankheitsbildes der Systemischen Belastungsintoleranz-Erkrankung sollte dem Patienten bei Bedarf diesbezüglich auch eine stützende Psychotherapie angeboten werden.
Ggf. käme auch, je nach den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen des Patienten, als längerfristig unterstützende Maßnahme auch ein Gruppentraining, wie z.B. ein rheumatologisch ausgerichtetes Funktionstraining in Frage, da Beziehungen des Krankheitsbildes zum Fibromyalgie-Syndrom beschrieben wurden.

Weblinks:

Literatur

Abstract
Techniques of data mining and machine learning were applied to a large database of medical and facility claims from commercially insured patients to determine the prevalence, gender demographics, and costs for individuals with provider-assigned diagnosis codes for myalgic encephalomyelitis (ME) or chronic fatigue syndrome (CFS). The frequency of diagnosis was 519-1,038/100,000 with the relative risk of females being diagnosed with ME or CFS compared to males 1.238 and 1.178, respectively. While the percentage of women diagnosed with ME/CFS is higher than the percentage of men, ME/CFS is not a "women's disease." Thirty-five to forty percent of diagnosed patients are men. Extrapolating from this frequency of diagnosis and based on the estimated 2017 population of the United States, a rough estimate for the number of patients who may be diagnosed with ME or CFS in the U.S. is 1.7 million to 3.38 million. Patients diagnosed with CFS appear to represent a more heterogeneous group than those diagnosed with ME. A machine learning model based on characteristics of individuals diagnosed with ME was developed and applied, resulting in a predicted prevalence of 857/100,000 (p > 0.01), or roughly 2.8 million in the U.S. Average annual costs for individuals with a diagnosis of ME or CFS were compared with those for lupus (all categories) and multiple sclerosis (MS), and found to be 50% higher for ME and CFS than for lupus or MS, and three to four times higher than for the general insured population. A separate aspect of the study attempted to determine if a diagnosis of ME or CFS could be predicted based on symptom codes in the insurance claims records. Due to the absence of specific codes for some core symptoms, we were unable to validate that the information in insurance claims records is sufficient to identify diagnosed patients or suggest that a diagnosis of ME or CFS should be considered based solely on looking for presence of those symptoms. These results show that a prevalence rate of 857/100,000 for ME/CFS is not unreasonable; therefore, it is not a rare disease, but in fact a relatively common one.

To summarize, the recommended treatment strategies should include proper administration of nutritional supplements in CFS/ME patients with demonstrated deficiencies and personalized pacing programs to relieve symptoms and improve performance of daily activities, but a larger randomized controlled trial (RCT) evaluation is required to confirm these preliminary observations. At present, no firm conclusions can be drawn because the few RCTs undertaken to date have been small-scale, with a high risk of bias, and have used different case definitions. Further, RCTs are now urgently needed with rigorous experimental designs and appropriate data analysis, focusing particularly on the comparison of outcomes measures according to clinical presentation, patient characteristics, case criteria and degree of disability (i.e. severely ill ME cases or bedridden).

AUTHORS' CONCLUSIONS:
Patients with CFS may generally benefit and feel less fatigued following exercise therapy, and no evidence suggests that exercise therapy may worsen outcomes. A positive effect with respect to sleep, physical function and self-perceived general health has been observed, but no conclusions for the outcomes of pain, quality of life, anxiety, depression, drop-out rate and health service resources were possible. The effectiveness of exercise therapy seems greater than that of pacing but similar to that of CBT. Randomised trials with low risk of bias are needed to investigate the type, duration and intensity of the most beneficial exercise intervention.

CONCLUSIONS:
This study suggests that recumbent isometric yoga is a feasible and acceptable treatment for patients with CFS/ME, even for patients who experience difficulty practicing isometric yoga in the sitting position.

CONCLUSIONS:
In the treatment of CFS, CbAM (combined acupuncture and moxibustion, which meant two or more types of acupuncture and moxibustion were adopted) and SAM (single acupuncture or single moxibustion) may have better effect than other treatments. However, the included trials have relatively poor quality, hence high quality studies are needed to confirm our finding.

CONCLUSIONS:
These findings raise serious concerns about the robustness of the claims made about the efficacy of CBT and GET. The modest treatment effects obtained on self-report measures in the PACE trial do not exceed what could be reasonably accounted for by participant reporting biases.

Interessengruppen


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* Zitat nach: Bach, Otto: ''Über die Subjektabhängigkeit des Bildes von der Wirklichkeit im psychiatrischen Diagnostizieren und Therapieren''. In: Psychiatrie heute, Aspekte und Perspektiven, Festschrift für Rainer Tölle, Urban & Schwarzenberg, München 1994, ISBN 3-541-17181-2, (Zitat: Seite 1)

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