Adipositas

Erstellt am 29 Sep 2015 16:54
Zuletzt geändert: 21 Aug 2021 11:29

Sozialrechtliches

Bereits im Urteil des Bundessozialgerichts B 1 KR 1/02 R vom 19.02.2003 wurde höchstrichterlich festgestellt:

Erfordert die Adipositas eine ärztliche Behandlung, so belegt das zugleich die Regelwidrigkeit des bestehenden Zustandes und damit das Vorliegen einer Krankheit im krankenversicherungsrechtlichen Sinne.

Vor diesem Hintergrund ist sozialmedizinisch bei einer behandlungsbedürftigen Adipositas von einer Krankheit im Sinne des § 27 SGB V auszugehen.
Die Grenze zur Behandlungsbedürftigkeit besteht nach den Feststellungen des BSG bei einem Übergewicht mit einem BMI von mehr als 30. Ab dieser Grenze sei eine Behandlung mit dem Ziel einer Gewichtsreduktion erforderlich, weil anderenfalls ein erhöhtes Risiko für Begleit- und Folgeerkrankungen bestehe.

Zur Leistungspflicht der Krankenkassen für ein Adipositaschirurgie enthielt das Urteil des Bundessozialgerichts B 1 KR 1/02 R vom 19.02.2003 folgende Aussage:

Die Leistungspflicht der Krankenversicherung für eine chirurgische Therapie [der Adipositas] kann nicht mit der Erwägung verneint werden, dass für das Übergewicht das krankhafte Essverhalten […] und nicht eine Funktionsstörung des Magens verantwortlich ist. Es trifft zwar zu, dass die operative Verkleinerung des Magens keine kausale Behandlung darstellt, sondern die Verhaltensstörung der Klägerin durch eine zwangsweise Begrenzung der Nahrungsmenge lediglich indirekt beeinflussen soll. Eine solche mittelbare Therapie wird jedoch vom Leistungsanspruch grundsätzlich mit umfasst, wenn sie ansonsten die in § 2 Abs 1 Satz 3 und § 12 Abs 1 SGB V aufgestellten Anforderungen erfüllt, also ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich ist sowie dem allgemein anerkannten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entspricht. Für chirurgische Eingriffe hat der Senat diesen Grundsatz allerdings eingeschränkt: Wird durch eine solche Operation in ein funktionell intaktes Organ eingegriffen und dieses regelwidrig verändert, wie das bei der Applikation eines Magenbandes geschieht, bedarf die mittelbare Behandlung einer speziellen Rechtfertigung, wobei die Art und Schwere der Erkrankung, die Dringlichkeit der Intervention, die Risiken und der zu erwartende Nutzen der Therapie sowie etwaige Folgekosten für die Krankenversicherung gegeneinander abzuwägen sind.

Zu Indikation und Einschätzung im Einzelfall führte das Urteil des Bundessozialgerichts B 1 KR 1/02 R vom 19.02.2003 weiter aus:

Da das Behandlungsziel einer Gewichtsreduktion auf verschiedenen Wegen erreicht werden kann, ist zunächst zu prüfen, ob eine vollstationäre chirurgische Behandlung unter Berücksichtigung der Behandlungsalternativen (diätetische Therapie, Bewegungstherapie, medikamentöse Therapie, Psychotherapie) notwendig und wirtschaftlich ist (§ 12 Abs 1, § 39 Abs 1 Satz 2 SGB V). Sodann muss untersucht werden, ob nach dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion aus medizinischer Sicht die Voraussetzungen für eine chirurgische Intervention gegeben sind. Nach den vorliegenden Leitlinien der Fachgesellschaften und den einschlägigen Literaturbeiträgen kommt die Implantation eines Magenbandes nur als Ultima Ratio und nur bei Patienten in Betracht, die eine Reihe von Bedingungen für eine erfolgreiche Behandlung erfüllen (BMI ³ 40 oder ³ 35 mit erheblichen Begleiterkrankungen; Erschöpfung konservativer Behandlungsmöglichkeiten; tolerables Operationsrisiko; ausreichende Motivation, keine manifeste psychiatrische Erkrankung; Möglichkeit einer lebenslangen medizinischen Nachbetreuung ua). …

Interessanterweise hat das Bundessozialgericht allerdings im Urteil B 6 KA 50/11 R vom 12.12.2012 entschieden, dass ein Ausschluss von Medikamenten, die überwiegend zur Behandlung der erektilen Dysfunktion, der Anreizung sowie Steigerung der sexuellen Potenz, zur Raucherentwöhnung, zur Abmagerung oder zur Zügelung des Appetits, zur Regulierung des Körpergewichts oder zur Verbesserung des Haarwuchses dienen, nach § 34 Abs. 1 Satz 6 - 8 SGB V (Arzneimittel, bei deren Anwendung eine erhöhte Lebensqualität im Vordergrund steht) - da so im Gesetz geregelt - grundsätzlich und unabhängig von der Arzneimittelrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses Bestand habe. Auch wenn der Gemeinsame Bundesausschuss zu den Bestimmungen in § 34 SGB V noch nähere Regelungen in der Arzneimittelrichtlinie fassen könne, so könnten im Gesetz benannte Ausschlüsse - so das BSG in dem Urteil vom 12.12.2012 - durch den G-BA bzw. die Arzneimittelrichtlinie nicht ausgehebelt werden.

Siehe auch Beitrag "Rimonabant (Acomplia®)" in diesem Wiki.

Kosten-Nutzen, Gesundheitsökonomie

  • Louwagie P, Neyt M, Dossche D, Camberlin C, Ten Geuzendam B, Van den Heede K, Van Brabandt H. Bariatric surgery: an HTA report on the efficacy, safety and cost-effectiveness. Belgian Health Care Knowledge Centre (KCE). KCE Reports 316 (2019). Available online at: https://kce.fgov.be/report/316

Evidenz zur Einschätzung bariatrischer Operationen:

In einer bevölkerungsbasierten kanadischen Studie war die Fünf-Jahres-Gesamtmortalitätsrate von über 13.000 Personen, die sich einer bariatrischen Operation unterzogen hatten, niedriger als die von gleichaltrigen adipösen Personen (1,4 versus 2,5 Prozent).
In der Studie war die bariatrische Chirurgie mit kardiovaskulären und krebsbedingten Sterblichkeitsraten assoziiert, die 30 bis 50 Prozent niedriger waren als die der nicht-chirurgischen Behandlung.

In dieser Studie wurden die Teilnehmer der schwedischen Adipositas-Studie und eine Zufallsstichprobe der Allgemeinbevölkerung über 20 Jahre lang verfolgt. Die bereinigte mittlere Lebenserwartung der adipösen Personen, die sich einer bariatrischen Operation unterzogen, war um 3 Jahre verlängert gegenüber denjenigen Personen, die eine übliche Adipositasbehandlung erhielten, aber 5,5 Jahre kürzer als die mittlere Lebenserwartung der Allgemeinbevölkerung.
In der Studie war die bariatrische Chirurgie mit kardiovaskulären und krebsbedingten Sterblichkeitsraten assoziiert, die 30 bis 50 Prozent niedriger waren als die der nicht-chirurgischen Behandlung.

Die Abdominoplastik war in dieser Studie mit einer reduzierten sekundären Gewichtszunahme nach RYGB assoziiert. Ob dies durch erhöhte körperliche Zufriedenheit und bessere körperliche Funktion oder eine biologische Reaktion auf die Reduktion des Fettgewebes verursacht wird, bleibt unklar. Wenn die Entfernung von abdominalem subkutanem Fettgewebe eine sekundäre Gewichtszunahme verhindert und die Robustheit der bariatrischen Chirurgie erhöht, sollte dies als Teil der Standardbehandlung nach bariatrischer Chirurgie angeboten werden.

  • Colquitt JL, Pickett K, Loveman E, Frampton GK. Surgery for weight loss in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2014 Aug 8;(8):CD003641. doi: 10.1002/14651858.CD003641.pub4. PMID: 25105982.

Schlussfolgerungen der Autoren: Chirurgische Eingriffe führen im Vergleich zu nicht-chirurgischen Eingriffen zu größeren Verbesserungen bei der Gewichtsabnahme und den gewichtsassoziierten Komorbiditäten, unabhängig von der Art der verwendeten Verfahren. Im Vergleich miteinander führten bestimmte Verfahren zu einer größeren Gewichtsabnahme und Verbesserungen bei Komorbiditäten als andere. Die Ergebnisse waren ähnlich zwischen RYGB und Sleeve-Gastrektomie, und beide Verfahren hatten bessere Ergebnisse als das verstellbare Magenband. Bei Personen mit sehr hohem BMI führte die biliopankreatische Diversion mit duodenalem Switch zu einem größeren Gewichtsverlust als RYGB. Der duodenojejunale Bypass mit Sleeve-Gastrektomie und die laparoskopische RYGB hatten ähnliche Ergebnisse, allerdings basiert dies auf einer kleinen Studie. Die isolierte Sleeve-Gastrektomie führte nach drei Jahren Nachbeobachtung zu besseren Ergebnissen bei der Gewichtsabnahme als das verstellbare Magenband. Dies basierte auf nur einer Studie. Die gewichtsbezogenen Ergebnisse waren zwischen laparoskopischer Magenimbrikation und laparoskopischer Sleeve-Gastrektomie in einer Studie ähnlich. Über alle Studien hinweg waren die Raten unerwünschter Ereignisse und die Reoperationsraten im Allgemeinen schlecht berichtet. Die meisten Studien beobachteten die Teilnehmer nur ein oder zwei Jahre lang, daher bleiben die Langzeiteffekte der Operation unklar.

  • Runkel N, Colombo-Benkmann M, Hüttl TP, Tigges H, Mann O, Flade-Kuthe R, Shang E, Susewind M, Wolff S, Wunder R, Wirth A, Winckler K, Weimann A, de Zwaan M, Sauerland S. Evidence-based German guidelines for surgery for obesity. Int J Colorectal Dis. 2011 Apr;26(4):397-404. doi: 10.1007/s00384-011-1136-5. Epub 2011 Feb 12. PMID: 21318299.
  • Runkel N, Colombo-Benkmann M, Hüttl TP, Tigges H, Mann O, Sauerland S. Chirurgie der Adipositas (Bariatric surgery.) Dtsch Arztebl Int. 2011 May;108(20):341-6. doi: 10.3238/arztebl.2011.0341. Epub 2011 May 20. PMID: 21655459; PMCID: PMC3109275. (Ärzteblatt Volltext)

Konservative Therapie

Besonderheiten und Bewertungsprobleme der Beurteilung der konservativen Therapie

  • Es wird häufig nicht unterschieden zwischen Ernährungsberatung - Ernährungstherapie.
  • Es existieren kaum allgemein anerkannte und evidenzbasierte, evaluierte komplexe Behandlungsprogramme als reale Versorgungsangebote.
  • Es ist unklar, welche Bestandteile ein komplexes, multimodales Behandlungsprogramm mindestens aufweisen muss bzw. wie die grundsätzlich geforderten Bestandteile Ernährungsberatung, Bewegungstherapie und Verhaltenstherapie in der Realität aussehen müssen und welche Qualifikationen für die durchführenden Trainer/Therapeuten erforderlich sind.
  • Es ist unklar, was langfristig wirksame von kurzfristig wirksamen "multimodalen" Behandlungsansätzen unterscheidet. Wissenschaftlich untersucht wurden z.B. die langfristigen Effekte des Programms, mit dem die Teilnehmer der Fernsehshow "The biggest loser" erhebliche Gewichtsabnahmen verzeichnen konnten. Das dort eingesetzte Programm war auf wissenschaftlicher Grundlage konzipiert und umfasste eine moderne diätetische Behandlung in Verbindung mit relevanten körperlichen Trainingsanteilen. Das Programm war sehr intensiv und bei den Teilnehmern, die es bis zum Ende durchliefen, auch kurzfristig sehr erfolgreich. Langfristig waren die Effekte jedoch sehr enttäuschend.

Biggest Looser

  • Fothergill E, Guo J, Howard L, et al. Persistent metabolic adaptation 6 years after "The Biggest Loser" competition. Obesity (Silver Spring). 2016 Aug;24(8):1612-9. doi: 10.1002/oby.21538. (PMC-Volltext):
      • RESULTS: Of the 16 "Biggest Loser" competitors originally investigated, 14 participated in this follow-up study. Weight loss at the end of the competition was (mean ± SD) 58.3 ± 24.9 kg (P < 0.0001), and RMR decreased by 610 ± 483 kcal/day (P = 0.0004). After 6 years, 41.0 ± 31.3 kg of the lost weight was regained (P = 0.0002), while RMR was 704 ± 427 kcal/day below baseline (P < 0.0001) and metabolic adaptation was -499 ± 207 kcal/day (P < 0.0001). Weight regain was not significantly correlated with metabolic adaptation at the competition's end (r = -0.1, P = 0.75), but those subjects maintaining greater weight loss at 6 years also experienced greater concurrent metabolic slowing (r = 0.59, P = 0.025).
      • CONCLUSIONS: Metabolic adaptation persists over time and is likely a proportional, but incomplete, response to contemporaneous efforts to reduce body weight.
      • TRIAL REGISTRATION: ClinicalTrials.gov NCT02544009.

PREDIMED Studie

  • Weder die Ernährungs- noch die Bewegungs- noch die Verhaltenstherapie noch kombinierte Angebote in Form multimodaler Programme bei Adipositas sind Regel-Kassenleistungen.

G-BA und Ernährungstherapie

Gendefekte und Stoffwechseldefekte

Sonstige Literatur

  • DeLaet D, Schauer D. Obesity in adults. Systematic review 604. BMJ Clinical Evidence. 2011 March.

Begutachtungshilfen der MDK/MDS-Gemeinschaft:

Diskussion der MDK/MDS-Begutachtungshilfen

Rahmen - Zertifizierte Zentren

Zertifizierte Zentren der CAADIP für Adipositas- und metabolische Chirurgie
Zertifizierungssystem der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV)
Chirurgische Arbeitsgemeinschaft Adipositastherapie und metabolische Chirurgie (CAADIP)

Leitlinien

deutsch

Deutschland

Evidenzbasierte Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas (S3-Leitlinie Version 2014); gültig bis 2019.
Evidenzbasierte Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas (PDF)
Leitlinien für Diagnostik, Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter (S2-Leitlinie Version 2014)
Leitlinien für Diagnostik, Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter (PDF)
S3-Leitlinie: Chirurgie der Adipositas (S3-Leitlinie Stand: 01.02.2018 , gültig bis 31.12.2022)
Leitlinie zur Rehabilitationsbedürftigkeit bei Stoffwechsel- und gastroenterologischen Krankheiten sowie Adipositas (DRV)
Leitlinie "Ernährungsempfehlung zur Behandlung des Diabetes mellitus - Empfehlungen zur Proteinzufuhr

Schweiz

Swiss Society for the Study of Morbid Obesity and Metabolic Disorders - Medizinische Richtlinien (Anmerkung: In der Schweiz ist der Begriff "Richtlinien" anders definiert als in Deutschland und sollte nicht mit der deutschen Verwendung des Wortes verwechselt werden!)

englisch

American Heart Association:
2013 AHA/ACC/TOS guideline for the management of overweight and obesity in adults
Cardiovascular evaluation and management of severely obese patients undergoing surgery: a science advisory from the American Heart Association.
Contributory Risk and Management of Comorbidities of Hypertension, Obesity, Diabetes Mellitus, Hyperlipidemia, and Metabolic Syndrome in Chronic Heart Failure: A Scientific Statement From the American Heart Association. (Volltext)
Gastric Bypass Surgery Produces a Durable Reduction in Cardiovascular Disease Risk Factors and Reduces the Long-Term Risks of Congestive Heart Failure. (Volltext)

American Society for Metabolic and Bariatric Surgery (ASMBS): Guidelines
ASMBS: Position Statement on Postprandial Hyperinsulinemic Hypoglycemia after Bariatric Surgery
BMJ Best Practice "Obesity in adults"
FamilyPractice Notebook "Obesity Surgery"
National Clinical Guideline Centre (NCGC) on behalf of the National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Updated Summary: Obesity: identification, assessment and management of overweight and obesity in children, young people and adults.
NICE pathways Obesity
NICE Clinical guideline (CG189): Obesity: identification, assessment and management
NICE Public health guideline (PH53): Weight management: lifestyle services for overweight or obese adults
NHS England's report on Joined up clinical pathways for obesity.
NICE Local government briefing (LGB9): Preventing obesity and helping people to manage their weight
Scottish Intercollegiate Guidelines Network (SIGN): Management of obesity

Literatur zu gesundheitlichen Folgen der Adipositas:

allgemein

  • Eine Studie aus 2010, die systematisch alle Raucher und Ex-Raucher ausgeschlossen hatte, wurde 2010 publiziert und seitdem viel zitiert. Nach den Ergebnissen dieser Studie liegt das Gewicht, das bei Personen <60 Jahre mit der niedrigsten Mortalität assoziiert ist, bei einem BMI von 20–25 kg/m2. Die Studie enthält aber auch Daten, die darauf hindeuten, dass das optimale Gewicht bei älteren Personen höher liegt:
Body-mass index and mortality among 1.46 million white adults. N Engl J Med. 2010 Dec 2;363(23):2211-9.
  • Eine chinesische prospektive Kohortenstudie mit anfangs 384 533 über-18-jährigen Teilnehmern, von denen nach 5 Jahren (2004 bis 2009) 372 793 Teilnehmer in die Auswertung eingeschlossen werden konnten, ergab ein anderes Bild: Unterhalb eines BMI von <22,5-24,9 war das Risiko für ein Versterben an jeglicher Ursache statistisch erhöht; Teilnehmer mit einem BMI zwischen 25,0 und 34,9 hatten ein reduziertes Risiko für Tod jeglicher Ursache ("all-cause mortality"). Korrektur-Berechnungen unter Ausschluss der Raucher, der Teilnehmer mit bekannten chronischen Erkrankungen sowie der Teilnehmer mit weniger als vier Jahren Beobachtungszeit änderten die Ergebnisse nicht:
Wang JB, Gu MJ, Shen P, Huang QC, Bao CZ, Ye ZH, Wang YQ, Mayila M, Ye D, Gu ST, Lin HB, Chen K. Body Mass Index and Mortality: A 10-Year Prospective Study in China. Sci Rep. 2016 Aug 22;6:31609.
  • Ein wieder anderes Ergebnis erbrachte eine kombinierte 32-Jahres-Auswertung der "Nurses Health Study (1980-2012)" und der "Health Professionals Follow-up Study (1986-2012)". Hier wurde zwar auch festgestellt, dass Personen mit einem höheren BMI dann ein reduziertes Mortalitätsrisiko haben, wenn bei ihnen mindestens ein positiv-präventiver Gesundheitsfaktor zusätzlich vorliegt. Das niedrigste Risiko für vorzeitiges Versterben wurde jedoch in der Gruppe der Teilnehmer mit einem BMI von 18,5 - 22,4 gefunden, die zusätzlich einen hohen Score des so genannten "alternate healthy eating index" aufwiesen, körperlich sehr aktiv waren, mäßig Alkohol zu sich nahmen und nicht rauchten.
Veronese N, Li Y, Manson JE, Willett WC, Fontana L, Hu FB. Combined associations of body weight and lifestyle factors with all cause and cause specific mortality in men and women: prospective cohort study. BMJ. 2016 Nov 24;355:i5855.

Extreme Adipositas (super-obesity, super-super-obesity)

  • Malinowski MJ.Biting the Hands that Feed "the Alligators": A Case Study in Morbid Obesity Extremes, End-of-Life Care, and Prohibitions on Harming and Accelerating the End of Life. Am J Law Med. 2018 Mar;44(1):23-66. doi: 10.1177/0098858818763813.
    • Abstrakt:
    • Dieser Artikel konzentriert sich auf Fälle von "extrem morbider Adipositas" ("EMO") - Situationen, in denen ohne aggressive medizinische Eingriffe der Tod unmittelbar bevorsteht und die bariatrische Chirurgie die einzige Behandlungsoption mit einer realistischen Erfolgschance ist. Bariatrische Operationen selbst stellen ein sehr hohes Risiko für EMO-Patienten dar. Die Menschen in diesem Zustand sind in ihrer Mobilität eingeschränkt und sind teilweise, wenn nicht sogar ganz, bettlägerig, hochgradig gefährdet und von Pflegepersonal abhängig, das oft die Grundlage für ihre Nahrungsmittelsucht bildet. Der Artikel stützt sich auf die bestehenden Richtlinien und Verfahren der Centers for Medicare and Medicaid Services ("CMS") und der Social Security Administration ("SSA") für die Behandlung von schwerer Adipositas und für Leistungen bei Behinderung. Die Diskussion umfasst auch unzählige Bereiche, in denen das Gesetz die Pflicht zur Meldung an Fachleute vorsieht, um gefährdete Personen vor Schaden durch andere zu schützen, sowie Einschränkungen und Verbote zur Beschleunigung des Lebensendes. Der Artikel schlägt neben anderen gesetzlichen und politischen Maßnahmen vor, eine Verpflichtung für medizinisches Fachpersonal einzuführen, Fälle von Co-Abhängigkeit zu untersuchen und zu melden, wenn Personen aufgrund von Nahrungsmittelsucht in Gefahr sind, unmittelbar zu sterben. Ziel der Vorschläge ist es, den Gesundheitsorganisationen mehr Einfluss zu geben, um zu verhindern, dass Co-Abhängige die Behandlung der Lebensmittelsucht behindern, und um EMO-Patienten in die Lage zu versetzen, Behandlungsprotokolle einzuhalten, so Leben zu retten und - ironischerweise - die Co-Abhängigen zu befähigen, den Forderungen der Personen, die ihr eigenes Leben durch Lebensmittelsucht zerstört haben, standhaft entgegenzutreten.
  • Byard RW. Forensic issues at the extremes of weight: From frailty syndrome through frail obesity to morbid obesity. J Forensic Leg Med. 2015 Oct;35:38-9. doi: 10.1016/j.jflm.2015.05.021. Epub 2015 Jul 9.
    • Abstrakt:
    • Es ist allgemein anerkannt, dass es in den letzten Jahren in einer Reihe von Ländern eine auffällige Zunahme der durchschnittlichen Körpergröße (gemessen am Body-Mass-Index) gegeben hat, so dass man von einer Adipositas-Epidemie spricht. Dies ging mit einer erhöhten Anzahl dieser Fälle in der forensischen Leichenhalle einher, mit den damit verbundenen praktischen Schwierigkeiten bei der Handhabung des Körpers und der Komplexität der Identifizierung multipler Komorbiditäten. Am anderen Extrem des Körpergewichts liegt das Gebrechlichkeitssyndrom, das sich durch unbeabsichtigte Gewichtsabnahme, verminderte Muskelmasse (Sarkopenie), verminderte körperliche Kraft und Aktivität, Erschöpfung und langsames Gehen äußert. Bemerkenswert ist, dass morbide Adipositas und das Gebrechlichkeitssyndrom das Zusammenspiel mehrerer umweltbedingter, genetischer und neuroendokriner Faktoren beinhalten und beide durch systemische Entzündungsreaktionen und multifokale Organdysfunktionen gekennzeichnet sind. Während die Zytokin-Hochregulierung durchaus ein sekundäres Phänomen sein könnte, scheint es, dass die Extreme des Gewichts mit erheblichen Stoffwechselstörungen und damit verbundenen Krankheiten verbunden sind. Es könnte in forensischen Zentren nützlich sein, Verstorbene mit Gebrechlichkeitssyndrom oder morbider Adipositas zu identifizieren, um ein besseres Verständnis der wahren Inzidenz signifikanter Gewichtsstörungen und ihrer Auswirkungen in medizinisch-rechtlichen Fällen zu ermöglichen.

im höheren und hohem Alter

Literatur zu gesundheitlichen Folgen der Adipositaschirurgie

Wiederherstellungschirurgie

Zeitfenster für die postbariatrische Wiederherstellungschirurgie

Bei den Patienten muß ein stabiles Körpergewicht mindestens über einen Zeitraum von 3 - 6 Monaten bestehen und der postbariatriche Eingriff sollte nicht vor 12 - 18 Monaten nach der bariatrischen Operation erfolgen. Wir bevorzugen dabei ein "multi stage - Vorgehen", das heißt, die Regel ist eine Sequenz von Eingriffen mit einem minimalen Zeitabstand von 3 Monaten. Dabei können die OP-Zeiten pro Sitzung unter 5 Stunden gehalten werden. Dieses Vorgehen führt gegenüber einem einzigen riesigen Maximaleingriff zu einer geringeren Patientenbelastung mit besserer Wundheilungssituation und zu einer Verkürzung des stationären Aufenthaltes und erleichtert ggf. auch eine notwendige operative Nachkorrektur.
Wir richten uns prinzipiell nach den individuell gegebenen Patientenprioritäten. Das stärkt erfahrungsgemäß die Motivation der Betroffenen. Natürlich gibt es auch eine Art sinnvolle Standardreihenfolge der Eingriffe, zum Beispiel mit einem lower body lift und der Abdominoplastik zu beginnen und gegebenenfalls Oberschenkel - und Gesäßstraffung anzuschließen, dann ein upper body lift mit den Brustkorrekturen sowie die Oberarmstraffung durchzuführen und schließlich,wenn notwendig, die Hals - und Gesichtsstraffung und Doppelkinn-Liposuktion vorzunehmen.

Postbariatrische Eingriffe zur Verbesserung der Körpersilhouette sollten erst angeboten werden, wenn das gewünschte Körpergewicht erreicht und zusätzlich über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten konstant gehalten wurde.

Dumping-Syndrom

Scarpellini E, Arts J, Karamanolis G, Laurenius A, Siquini W, Suzuki H, Ukleja A, Van Beek A, Vanuytsel T, Bor S, Ceppa E, Di Lorenzo C, Emous M, Hammer H, Hellström P, Laville M, Lundell L, Masclee A, Ritz P, Tack J. International consensus on the diagnosis and management of dumping syndrome. Nat Rev Endocrinol. 2020 Aug;16(8):448-466. doi: 10.1038/s41574-020-0357-5. Epub 2020 May 26. PMID: 32457534; PMCID: PMC7351708.

Hier Übersetzung des Abstrakts durch Deepl:
Das Dumping-Syndrom ist eine häufige, aber unterdiagnostizierte Komplikation der Magen- und Ösophagus-Chirurgie. Wir initiierten einen Delphi-Konsensprozess mit internationalen multidisziplinären Experten. Wir definierten den Umfang, schlugen Aussagen vor und durchsuchten elektronische Datenbanken, um die Literatur zu sichten. Achtzehn Experten nahmen an der Literaturzusammenfassung und dem Abstimmungsprozess teil und bewerteten 62 Aussagen. Wir bewerteten die Qualität der Evidenz anhand der GRADE-Kriterien (Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation). Ein Konsens (definiert als >80% Übereinstimmung) wurde für 33 von 62 Aussagen erreicht, einschließlich der Definition und des Symptomprofils des Dumping-Syndroms und seiner Auswirkungen auf die Lebensqualität. Das Gremium war sich einig über die pathophysiologische Relevanz der schnellen Passage von Nährstoffen zum Dünndarm, über die Rolle der verminderten Magenvolumenkapazität und die Freisetzung von Glucagon-like Peptide 1. Die Erkennung von Symptomen ist entscheidend, und der modifizierte orale Glukosetoleranztest, nicht aber der Magenentleerungstest, ist für die Diagnose nützlich. Ein Anstieg des Hämatokrits >3 % oder der Pulsfrequenz >10 bpm 30 min nach Beginn der Glukoseaufnahme sind diagnostisch für ein frühes Dumping-Syndrom, und ein Nadir-Hypoglykämie-Spiegel <50 mg/dl ist diagnostisch für ein spätes Dumping-Syndrom. Eine Diätanpassung ist der vereinbarte erste Behandlungsschritt; Acarbose ist bei Symptomen des späten Dumping-Syndroms wirksam und Somatostatin-Analoga werden bei Patienten bevorzugt, die nicht auf Diätanpassungen und Acarbose ansprechen.

Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

Methodenfragen und wissenschaftliche Diskussion

Adipositaszentren und konservative Therapie-Angebote

Siehe auch in diesem Wiki

Adipositas Schulungsprogramme
Anti-Adipositas-Medikamente
Körperkonturierende post-Adipositas-Eingriffe

Textbaustein Adipositas-Fragebogen
Textbaustein Adipositaschirurgie
Textbaustein Sozialmedizinische Voraussetzungen Adipositaschirurgie
Textbaustein Primäre Adipositaschirurgie
Textbaustein Adipositaschirurgie - Kontraindikationen

Sonstiges / Weblinks


Deutsches Ärzteblatt 2018: Therapie der Fettleibigkeit: Nur Hürden statt Hilfe für Adipöse
Deutsches Ärzteblatt 2004: Ist Adipositas eine Krankheit? Interdisziplinäre Perspektiven - Eine differenzierte Diskussion des Krankheitsbegriffs am Beispiel der Adipositas.
Demgegenüber
Deutsches Ärzteblatt 2000: Plastische Chirurgie: Was die Kassen als Krankheit anerkennen - Dieser Artikel bezieht klar Postion mit der Formulierung:
Beseitigung von Fettleibigkeit geht grundsätzlich nicht zulasten der Versicherungsträger.


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Alle Darstellungen medizinischer Sachverhalte, Erkrankungen und Behinderungen und deren sozialmedizinische Einordnung und Kommentierungen hier im Wiki dienen nicht einer "letzt begründenden theoretisch-wissenschaftlichen Aufklärung", sondern sind frei nach Karl Popper "Interpretationen im Licht der Theorien."*

* Zitat nach: Bach, Otto: ''Über die Subjektabhängigkeit des Bildes von der Wirklichkeit im psychiatrischen Diagnostizieren und Therapieren''. In: Psychiatrie heute, Aspekte und Perspektiven, Festschrift für Rainer Tölle, Urban & Schwarzenberg, München 1994, ISBN 3-541-17181-2, (Zitat: Seite 1)

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