Abortneigung

Erstellt am 30 Aug 2015 20:30
Zuletzt geändert: 28 Apr 2022 15:23

ICD 10:

N96 - Neigung zu habituellem Abort:
Exklusiva:
Bei ablaufendem Abort (O03 - O06)
Bei gegenwärtiger Schwangerschaft O26.2 - Schwangerschaftsbetreuung bei Neigung zu habituellem Abort

Fehlgeburtlichkeit, das ungewollte Ende einer Schwangerschaft vor der 24. Woche, ist in der "gesunden" Bevölkerung verbreitet. Statistisch enden 12 – 13,5 % aller Schwangerschaften als Fehlgeburten bzw. "Spontanaborte"[1].

Spätestens ab der dritten spontanen Fehlgeburt unklarer Ursache wird dies in der Reproduktionsmedizin als "habitueller Abort" oder "wiederholter Spontanabort (WSA)" bezeichnet.

Die, derzeit in Überarbeitung befindliche deutsche Leitlinie "Diagnostik und Therapie von Frauen mit wiederholten Spontanaborten" der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie (DGGG) und der Arbeitsgemeinschaft Immunologie in Gynäkologie und Geburtshilfe (AGIM) benutzt die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach unter einem wiederholten Spontanabort drei und mehr konsekutive Fehlgeburten vor der 20. Schwangerschaftswoche zu verstehen sind. Die Leitlinie ist im Internet über die Webseiten der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) unter der Internetadresse "www.leitlinien.net" einsehbar.

Hinsichtlich der Einschätzung wiederholter Fehlgeburten enthält die genannte Leitlinie unter dem Punkt Definition auch Ausführungen, wonach einige Frauenärzte und Geburtshelfer bereits Patientinnen mit lediglich zwei konsekutiven Spontanaborten als Patientinnen mit habituellem Abort einstufen.
Die Leitlinien-Autoren stufen demgegenüber Patientinnen mit lediglich zwei unmittelbar aufeinander folgenden (konsekutiven) Spontanaborten als Fälle ein, in denen das Risiko einer erneuten Fehlgeburt möglicherweise nur geringfügig erhöht ist.

Als Risikofaktoren für wiederholter Spontanaborte werden unter Reproduktionsmedizinern genetische Veränderungen, anatomische Anomalien, Gerinnungsstörungen und das so genannte Antiphospholipid-Syndrom sowie endokrine Faktoren (Hyper- und Hypothyreose, Diabetes mellitus, polyzystisches Ovarialsyndrom und neuerdings auch diverse immunologische Faktoren) diskutiert.

Insgesamt ist die Prognose für Frauen mit einer Vorgeschichte rezidivierender habitueller Aborte, auch wenn keine Ursache der Fehlgeburten gefunden werden kann, häufig günstig:

In einer Leitlinie des britischen Royal College of Obstetricians und Gynaecologists von April 2011 wurde ausgeführt, dass selbst für bis zu 75% der Frauen mit rezidivierendem Abort mit ungeklärter Ursache eine erfolgreiche zukünftige Schwangerschaft unter alleinigen supportiven Maßnahmen erreicht werden kann.

In einer Behandlungsstudie von Frauen mit im Durchschnitt 4,2 direkt aufeinander folgenden (konsekutiven) Aborten und einem durchschnittlichen Alter von 32,7 Jahren zeigte sich in der nur mit Scheinmedikament (Placebo) behandelten Gruppe eine Lebensgeburtenrate von 65%[2].

Es ist allerdings auch so, dass das Risiko für eine Fehlgeburt (Abort) mit dem mütterlichen und väterlichen Alter ansteigt. Für ein Lebensalter von 30 bis 34 Jahren wird das altersabhängige Risiko eines Abortes mit 15% und im Alter von 35 bis 39 Jahren mit 25% angeführt. Das höchste Risiko für einen Abort wird bei Paaren beschrieben, bei denen die Frau 35 Jahre oder älter und der Mann 40 Jahre oder älter ist.

Forschungsergebnisse deuten auch darauf hin, dass neben der mit dem Alter steigenden Wahrscheinlichkeit von Fehlgeburten auch eine mit dem Alter zunehmende Wahrscheinlichkeit kongenitaler Fehlbildungen durch Chromosomenanomalien besteht.


Literatur:

[1] Everett C. Incidence and outcome of bleeding before the 20th week of pregnancy: prospective study from general practice. BMJ 1997 Jul;315(7099):32–34.

Nybo Andersen AM, Wohlfahrt J, Christens P, Olsen J, Melbye M. Maternal age and fetal loss: population based register linkage study. BMJ 2000 Jun;320(7251):1708–1712.

[2] Branch DW, Gibson M, Silver RM. Clinical practice. Recurrent miscarriage. N Engl J Med. 2010 Oct 28;363(18):1740-7.

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* Zitat nach: Bach, Otto: ''Über die Subjektabhängigkeit des Bildes von der Wirklichkeit im psychiatrischen Diagnostizieren und Therapieren''. In: Psychiatrie heute, Aspekte und Perspektiven, Festschrift für Rainer Tölle, Urban & Schwarzenberg, München 1994, ISBN 3-541-17181-2, (Zitat: Seite 1)

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