Placebo

Erstellt am 15 Sep 2015 00:09 - Zuletzt geändert: 26 Nov 2021 21:36

Der Begriff "Placebo" (oder "Plazebo", aber im Duden nur mit "C" aufgeführt) wird häufig mit "Scheinmedikament" übersetzt. Tatsächlich treten "Placebo-Effekte" aber nicht nur bei medikamentöser Behandlung auf.

In früheren Jahren wurde das Auftreten eines Placebo-Effekts sehr ernsthaft diskutiert und auch generell in Frage gestellt. So unternahmen G. S. Kienle und H. Kiene umfangreiche Analysen älterer Studien zum Placebo-Effekt, um in allen Fällen Hinweise darauf zu finden, dass dort möglicherweise andere Faktoren zu der beobachteten Wirkung beigetragen hatten; die dem Placebo-Effekt zugeschreiben worden war. Diese Auswertungen wurden unter anderem 1996 in der Zeitschrift "Forschende Komplementärmedizin" veröffentlicht (Ausgabe 3; Seiten 121-138; Nachdruck als Auszug aus dem Buch "Komplementäre Methodenlehre" online verfügbar1).

Die Diskussion darüber, ob es überhaupt Placebo-Effekte in relevanten Größenordnungen gibt, wurde allerdings in den letzten Jahren durch die umfangreiche Zahl an randomisierten kontrollierten, verblindet durchgeführten und zumeist auch verblindet ausgewerteten klinischen Studien in der Praxis beendet, obwohl eine überzeugende positive wissenschaftliche Definition des "Placebo-Effekts" bis heute nicht formuliert werden konnte.

Nach Prof. Windeler kann der Begriff "Placebo" negativ oder operational definiert werden2, so dass das Fehlen einer exakten positiven Definition die Nutzbarkeit und Nützlichkeit "placebo"-kontrollierter Studien in keiner Weise einschränke.

In vergleichenden klinischen Studien kann der Begriff "Placebo" der Beschreibung aller Faktoren in der Studie dienen, welche neben der zu prüfenden Therapie ebenfalls beobachtbare Veränderungen bei den Studien-Patienten erzielen. Das betrifft auch die Faktoren, die von Kienle und Kiene in ihren Analysen der historischen "Placebo-Studien" als mögliche "andere/spezifische Wirkungs-Auslöser" identifiziert worden waren.
In randomisiert vergleichenden Studien wird in der Regel aber nur ein bestimmter Faktor in Form eines so genannten aktiven Placebos untersucht, z.B. eine Scheinmedikation oder eine Schein-Akupunktur oder Schein-Ultraschall-Behandlung etc. Bei korrektem Design randomisiert vergleichender Studien ist es für die Aussagefähigkeit der Studie nicht von Bedeutung, ob noch andere Einflussfaktoren existieren, die die "Placebo-Wirkung" erklären könnten, da durch die Randomisierung eine gleichartige Verteilung dieser "anderen Einflussfaktoren" auf alle Untersuchungsgruppen gewährleistet wird.

Neben positiven Effekten, die der erhofften Wirkung einer vergleichend getesteten "aktiven Therapie" entsprechen können, werden in randomisiert vergleichenden Studien mit verschiedenen Therapieprinzipien, die auch (in mindestens einer Gruppe) eine Placebo-Behandlung umfassen, praktisch immer auch negative "Placebo-Wirkungen" oder Nebenwirkungen der Placebo-Behandlung gefunden. (Z.B. Winfried Rief et al. 20063)
Die unerwünschten Wirkungen oder Nebenwirkungen einer Placebo-Therapie sind dabei keine so genannten "Nocebo-Effekte". Nocebo-Effekte werden vielmehr die Einflüsse auf eine Therapie-Wirkung genannt, die entstehen, wenn Patienten wissentlich anstelle einer erwünschten oder erhofften Therapie eine andere Behandlung erhalten. Der Nocebo-Effekt kann zu erheblichen Problemen beispielsweise beim Austausch teurer Originalpräparate gegen andere, preisgünstigere Arzneimittel führen, beispielsweise in der Rheumatherapie beim Einsatz so genannter Biosimilars.4

In einigen klinischen Studien wurde die Wirksamkeit von Schein-Operationen oder "Placebo-Operationen" untersucht und nachgewiesen. In einem Beitrag im KVH-Journal 7-8/2016 berichtete Stefan Sauerland über die eindrucksvollen Ergebnisse scheinbarer Kniegelenksoperationen, bei denen nur oberflächliche Schnitte eine "echte" Operation vortäuschten. Nach den Scheinoperationen verspürten viele der Patienten Verbesserungen bei Kniefunktion und Knieschmerz, die auch noch ein und
zwei Jahre nach der Pseudo-OP anhielten. Der Artikel Arthroskopische Behandlung bei Gonarthrose: Endgültig passé?! kann über das EBM-Netzwerk heruntergeladen werden.

Trotz der überzeugenden Wirksamkeit der "Placebo-Operationen", die Stefan Sauerland 2016 aufgezeigt hatte, stellte Ingrid Mühlhauser im KVH-Journal 02/2019 die Möglichkeit, dass Placebos eine objektive heilsame Wirkung entfalten könnten, grundsätzlich in Frage in dem Artikel Nutzung der Wirkprinzipien von Placeboeffekten.

WebLinks/Literatur:



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