ICF - Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit

Erstellt am 08 Aug 2016 18:42 - Zuletzt geändert: 12 Aug 2021 12:51

Die "Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit" - ICF ist die Nachfolgerin der "Internationalen Klassifikation der Schädigungen, Fähigkeitsstörungen und Beeinträchtigungen" (ICIDH) von 1980 (WHO 1980).
Die ICF wurde von der 54. Vollversammlung der WHO, an der auch Vertreter der Bundesregierung teilgenommen haben, im Mai 2001 verabschiedet.

Die endgültige deutsche Fassung stammt vom Oktober 2005.

Die Krankheitskonzepte der Sozialgesetzbücher, speziell des fünften Sozialgesetzbuches, waren vor Einführung der ICF rein pathologisch-anatomisch und funktional ausgerichtet. Seit Einführung der deutschen Version der ICF hat hier ein langsamer Änderungsprozess begonnen; zuletzt besonders stark durch Inkrafttreten des "Bundesteilhabegesetz".

In der Rehabilitationsmedizin hat sich schon seit einiger Zeit die Betrachtungsweise gemäß des bio-psycho-sozialen Modells etabliert.
Das bio-psycho-soziale Modell ist die Grundlage der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit - ICF. Die ICF ergänzt die biomedizinischen Krankheitsfaktoren um psychische Faktoren und soziale sowie weitere Umwelt-Faktoren. Dabei werden alle gesundheitlich relevanten Faktoren in einem Beziehungsgeflecht auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Dimensionen betrachtet.
Das bio-psycho-soziale Modell geht davon aus, dass bei jedem Krankheitsprozess psychosoziale Faktoren als potenzielle Einflussgrößen zu berücksichtigen sind.

Diese Betrachtung eröffnet andere Blickwinkel auf sowohl krankheits- als auch gesundheitsfördernde Faktoren und Zusammenhänge, die im reinen biomedizinischen Modell nicht genutzt werden konnten.
Kontextfaktoren, die sich sowohl außerhalb des Einflussbereiches betroffener Personen befinden als auch durch medizinische Maßnahmen nicht veränderbar sind, müssen bei einer bio-psycho-sozialen Betrachtung in ihrer gesundheitlichen Bedeutung berücksichtigt werden. Das bedeutet, medizinische Maßnahmen müssen bei Berücksichtigung der ICF Strategien enthalten, um die Auswirkungen nicht veränderbarer negativer Kontextfaktoren abzumildern, um im Sinne des bio-psycho-sozialen Modells eine Wirksamkeit entfalten zu können.
"Subjektive" Kontextfaktoren, die von Betroffenen selbst als sehr relevant empfunden werden, müssen bei einer umfassenden Betrachtung gemäß ICF stets in die Beurteilung des Krankheits- und Gesundheitszustandes mit einbezogen werden. Ein Ausschluss "subjektiver Befindlichkeiten" entspricht nicht der Betrachtungsweise des bio-psycho-sozialen Modells.

Die Erfassung und Beschreibung der Dimension des sozialen Zustands mit den Begriffen der ICF, macht im Einzelfall deutlich, warum bestimmte Verhaltensänderungen nicht gelingen oder warum bestimmte körperliche Faktoren in einem Einzelfall erhebliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben können, während die gleichen körperlichen Gegebenheiten in anderen Fällen ohne jeden erkennbaren negativen Einfluss auf Lebensqualität und Teilhabe bleiben.

Auf der Homepage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) wird das Verhältnis der traditionellen biomedizinischen Krankheits-Erklärungen zum bio-psycho-sozialen Modell unter den "Leitbegriffen" der Gesundheitsförderung und Prävention in einem ausführlichen Artikel dargestellt.

Eine Definition und Abgrenzung des bio-psycho-sozialen Modells von der traditionellen Sichtweise der Medizin enthält das Kapitel "Biopsychosoziale Medizin" in dem Lehrbuch "Kommunikative Kompetenz in der Medizin", herausgegeben von Prof. Dr. med. Christian Albus und Dr. phil. Armin Koerfer:

Die Grenzen des biomedizinischen Verständnisansatzes lassen sich … an … Entwicklungstendenzen der Medizin festmachen, die mit der notwendigen Überwindung des traditionellen Dualismus von Körper und Seele einhergehen. Hierauf wollen wir nachfolgend zunächst mit einer kurzen Betrachtung des Leib-Seele Problems eingehen …
Historisch lässt sich das Leib-Seele-Problem von den modernen neuro-wissenschaftlichen Hirnforschungen bis in die Antike zurückverfolgen …
Wie schon bekannte Metaphern vom "Steuermann eines Schiffes" (Platon, Popper) oder vom "Herr(n) im eigenen Haus" (Freud) nahelegen, kann unser menschliches Selbstverständnis auf vielfältige Weise modelliert oder auch radikal in Frage gestellt werden (Langenbach, Koerfer 2006). Die vor allem in der Tradition der (sprachanalytischen) Philosophie immer wieder gestellte Frage nach der "Willensfreiheit" des Menschen ist keine rein akademische Angelegenheit, sondern betrifft das Problem der Zurechenbarkeit von Handlungen und damit von Verantwortung von Individuen in unser aller Alltagsleben (Koerfer 1994/2013).
Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts erklärt v. Uexküll (2001) die aktuelle "Krise der Medizin" aus dem Dualismus in der alltäglichen medizinischen Versorgungspraxis, der darin besteht, einerseits in einer somatischen Medizin "Körper ohne Seelen" und anderseits in einer psychologischen Medizin "Seelen ohne Körper" zu behandeln. Eben dieser Dualismus in der Versorgungspraxis ist in einem integrativen Ansatz aufzuheben, der einen Paradigmenwechsel von einer biomedizinischen zu einem biopsychosozialen Verständnismodell verlangt.
[…]
Der vor allem von George Engel (1979, 1996) sowie Thure v. Uexküll und Wolfgang Wesiack (1991, 2011) geforderte Paradigmenwechsel von einer biotechnischen zu einer biopsychosozialen Medizin bedeutet keineswegs, die modernen biomedizinischen Errungenschaften und die daraus gewonnenen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zu vernachlässigen oder gar zu ignorieren, sondern eben eine Integration auf allen Erkenntnis- und Behandlungsebenen zu erreichen…
Um den Dualismus zwischen einer somatischen "Medizin für den Körper" und einer psychologischen "Medizin für die Seele" mit allen dazugehörigen Dichotomien zu überwinden, hat eine biopsychosoziale Medizin in der Theorie und Praxis eine Integration von verschiedenen hierarchischen Ebenen zu leisten, auch wenn dies nach dem Stand der Kunst in Theorie und Praxis mehr oder weniger gelingen kann.

Albus und Koerfer zitieren aus dem Grundlagenwerk "Theorie der Humanmedizin" (v. Uexküll 1991); dieses wesentliche Zitat sei hier auch wieder gegeben:

Die hierarchische Ordnung (…) läßt sich als "bio-psycho-soziales Modell" oder "bio-psycho-soziale Theorie" beschreiben. Sie gibt dem Arzt ein Orientierungsschema; denn auf jeder Integrationsebene hierarchisch aufgebauter, lebender Systeme können Störungen auftreten, die über "somato-psychosoziale Aufwärts-Effekte" von der Zelle bis zur sozialen Gruppe, und über "sozio-psycho-somatische Abwärtseffekte", von der sozialen Ebene bis zur Zelle, Auswirkungen in dem System als Ganzem haben.
Der Arzt kann mit Hilfe des Orientierungsschemas Störungen auf den verschiedenen Integrationsebenen "lokalisieren". Er kann Störungen auf der Ebene der Zellen, z. B. einen Immundefekt, mit Störungen auf der Ebene der Organe und des Organismus, die als Folgen des Immundefekts entstehen, und diese wieder mit Problemen in Verbindung bringen, die bei einer solchen Störung auf der psychischen und sozialen Integrationsebene auftreten …


Ganz allgemein definiert die ICF Krankheiten ebenso wie Behinderungen als Störungen auf einer oder mehreren von insgesamt vier Ebenen:

  • Körperfunktionen (Ebene "b" wie "body"),
  • Körperstrukturen (Ebene "s" wie "Struktur"),
  • Aktivitäten und Partizipation (Ebene "d" wie "daily" oder "domain") sowie
  • Umweltfaktoren (Ebene "e" wie "environment").


Eine inhaltliche Umsetzung des bio-psycho-sozialen Krankheits- und Gesundheitsmodells findet sich derzeit u.a. in § 1 SGB IX, der da lautet:

"1Menschen mit Behinderungen oder von Behinderung bedrohte Menschen erhalten Leistungen nach diesem Buch und den für die Rehabilitationsträger geltenden Leistungsgesetzen, um ihre Selbstbestimmung und ihre volle, wirksame und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu fördern, Benachteiligungen zu vermeiden oder ihnen entgegenzuwirken. ²Dabei wird den besonderen Bedürfnissen von Frauen und Kindern mit Behinderungen und von Behinderung bedrohter Frauen und Kinder sowie Menschen mit seelischen Behinderungen oder von einer solchen Behinderung bedrohter Menschen Rechnung getragen."

Eine weitere sozialrechtliche Anwendung der ICF ist in der Rehabilitations-Richtlinie des Gemein­samen Bundes­aus­schusses (G-BA) verankert.

In sozialrichterlichen Äußerungen herrscht allerdings nach wie vor in den meisten Fällen, zumindest wenn es um Fragen aus dem Bereich des SGB V geht, ein fast vollständiger "Leib-Seele-Dualismus":
Dies ist ein Konzept, das auf René Descartes zurück geführt werden kann. In seiner Schrift "De l‘homme" von 1662 entwarf Descartes das Modell der Mensch-Maschine aus einem physikalischen Körper und einer rationalen und unsterblichen Seele. Später wurde diese Vorstellung einer völligen Trennung von Körper und Geist auch als Descartes Irrtum bezeichnet.

Weblinks

Weiterführende Literatur



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